Wie die DDR die jüdische Geschichte Halberstadts systematisch tilgte und vergaß
Anton HofmannWie die DDR die jüdische Geschichte Halberstadts systematisch tilgte und vergaß
Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die getilgte jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR
In „Verweigerte Erinnerung“ deckt Graf auf, wie die einst blühende neo-orthodoxe jüdische Gemeinde der Stadt zwischen 1938 und 1942 vernichtet wurde. Die Studie stellt zudem lang gehegte Annahmen über das antifaschistische Erbe der DDR und ihren Umgang mit jüdischer Tradition infrage.
Die jüdische Gemeinde Halberstadts, einst ein Zentrum des Neo-Orthodoxie, wurde systematisch zerstört. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt – der Beginn einer gewaltsamen Auslöschung. Bis 1942 war die Gemeinde vollständig ausgelöscht.
Eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge wurde 1949 eröffnet, um an die Opfer von Zwangsarbeit zu erinnern. Doch 1969 wurde der Ort umgestaltet – zu einer Stätte politischer Treuebekundungen, die direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet wurde. Die unterirdischen Tunnel des Lagers dienten in den 1970er-Jahren als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee der DDR.
Grafs Forschung zeigt einen eklatanten Widerspruch auf: Trotz einzelner Beispiele wie der Musik Lin Jaldatis oder den Romanen von Peter Edel und Jurek Becker pflegte die DDR kein wirkliches jüdisches Kulturerbe. Noch 2018 löste der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen an jüdische Eigentümer antisemitische Untertöne aus – es sei ein „Ausverkauf an die Juden“.
Das Buch argumentiert, dass es bereits 1949 und 1989 Instrumente gab, um sowohl rechtsextremen als auch linksautoritären Antisemitismus zu analysieren und zu bekämpfen. Doch diese Ansätze wurden verworfen, sodass bis heute Lücken im historischen Verständnis bestehen. Graf plädiert für eine kritische Neubewertung alter Analysemodelle – unabhängig von politischer Ausrichtung.
Seine Erkenntnisse entlarven das Versagen der DDR, die eigene Mittäterschaft bei der Tilgung jüdischer Geschichte aufzuarbeiten. Die Umwidmung der Gedenkstätte und die antisemitischen Reaktionen von 2018 offenbaren, wie tief verwurzelt die Vorurteile blieben. Das Buch wird so zum Anstoß, veraltete Methoden zur Bekämpfung von Autoritarismus und Antisemitismus in der heutigen Debatte wiederzubeleben.






